Reschenpass, Oberinntal & Engadin: Geschichte im Dreiländereck

Die historische Entwicklung im Raum Nauders, Unterengadin und Reschen / Oberer Vinschgau.

Burg Nauders, Reschenpass

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Allgemeines & Spezielles

Die Region um den Reschenpass hat schon seit Menschengedenken eine herausragende historische Bedeutung. Weil die Alpen schon immer Barriere und Verbindungsraum zugleich waren, besitzen Passregionen eine vielseitige Funktion als Plätze, wo sich Handelswege konzentrieren und der friedliche oder kriegerische Austausch zwischen unterschiedlichen Kulturen stattfindet.

Beim Reschenpass kommt dazu, dass er einen der leichtesten Alpenübergänge markiert. Schon die Römer bauten hier ihre erste bedeutende Fernstraße über die Alpen, die Via Claudia Augusta. Und z.B. bei Fernradlern ist der Reschenpass noch heute als einfachste Route zur Alpenüberquerung beliebt.

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Frühzeit und Antike (bis ca. 500 n. Chr.)

Die Region besaß aufgrund ihrer Lage zwischen den mitteleuropäischen und südeuropäischen Kultur- und Wirtschaftsräumen und der vergleichgsweise leichten Passierbarkeit des Reschenpasses schon früh einen bedeutenden Handelsweg. Funde zeigen, dass schon in der Bronzezeit (ca. 2000–800 v. Chr.) über den Reschenpass Handel getrieben wurde.

Handelsgüter waren in dieser frühen Zeit vor allem Salz (z. B. aus dem heutigen Hall oder Salzburg), Metalle (wie Kupfer, Zinn, später Eisen), Bernstein und Pelze (aus dem Ostseeraum), Honig und Keramik. Wein, Olivenöl und Glas kamen aus dem Süden.

ab ca. 500 v.Chr.: Kelten

Die Region gehörte zum Einflussbereich der keltischen Kultur, insbesondere zu den Rätern. Sie betrieben Almwirtschaft (Bergweidewirtschaft), Bergbau und Handel. Der großflächige keltische Kulturraum wurde später im Norden von den Germanen und im Süden von den Römern bedrängt. Auf der Flucht vor den Römern kamen auch Etrusker und Veneter in die Gebirgsregionen.

ab 15 v. Chr.: Römer

Nach der Eroberung der Alpen durch Kaiser Augustus wurde die Provinz Rätien gegründet.

Die Römer bauten die Via Claudia Augusta, die von Altinum bei Venedig über den Reschenpass nach Augusta Vindelicorum (Augsburg) führte. Die Straße war militärisch, wirtschaftlich und kulturell von großer Bedeutung und damals die wichtigste Verbindung zwischen Rom und den römischen Provinzen an Donau und Rhein. Auch römische Meilensteine und andere Fundstücke bei Nauders, Pfunds und im Vinschgau belegen eine intensive Nutzung.

Herbergen, Schmieden, Stellmacher, Pferdezüchter, Märkte und Zollstationen prägten Orte wie Reschen oder Nauders.

ab 2. Jh. n. Chr.

Es kommt vermehrt zu Einfällen von Alemannen und Germanen. Gegen Ende der Römerzeit (400-450 n. Chr.) setzt sich das Christentum in der Region durch.

Um 500

Die Germanen, vor allem die Goten, verdrängen die Römer aus der Region. Zurück zum Seitenanfang

Frühmittelalter (ca. 500–1000)

Nach dem Zerfall des Weströmischen Reiches fiel die Region um Reschenpass und Oderinntal unter verschiedene Herrschaften:

Rätoromanen (romanisiertes Alpenvolk)

Nach dem Zusammenbruch des Römischen Reiches (im 5. Jh.) blieb die romanisierte Bevölkerung der Provinz Raetia (heute Engadin, Vinschgau, Inntal) vielerorts relativ ungestört bestehen. Aus dem gesprochenen Vulgärlatein entwickelte sich die rätoromanische Sprache.

Bajuwaren, Franken und Tirol

Ab dem 6./7. Jahrhundert kam das Gebiet um Nauders und den Reschenpass unter den Einfluss der germanisch-heidnischen Bajuwaren, die nach und nach zum Christentum übergingen.

um 900

Die Region Reschenpass kommt mit Bayern zum christlich fränkischen Reich (Karolinger). Mit der erneuten Christianisierung entstanden Klöster (z. B. Marienberg bei Burgeis) und kirchliche Grundherren mischten in der Politik mit. Die Rätoromanen wurden zur Minderheit und im 11. Jahrh. endgültig germanisiert.

Der Vinschgau kam nach und nach in das Einflussgebiet der Grafen von Tirol. Nauders war ein zentraler Grenzposten an der Passhöhe und war oft umkämpft.

Das unabhängige Engadin

Das Engadin wurde Teil des romanisch geprägten Rätien und gehörte zum Gebiet der Drei Bünde, später Graubünden. Die Alemannen, die die spätere Deutsch-Schweiz prägten, siedelten eher westlich des Engadins. Ihr Einfluss reichte nicht ins Engadin, dort blieb der romanisierte Einfluss dominant. Die Sprachgrenze zwischen Alemannisch und Rätoromanisch verläuft bis heute entlang der Landesgrenze Graubündens.

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Hoch- und Spätmittelalter (1000–1500)

Tirol

Die Grafen von Tirol erlangten im 13. Jh. große Macht und entwickelten Tirol zu einem zusammenhängenden Territorium, das gezielt diverse Alpenpässe kontrollierte. Burgen und Befestigungen wurden gebaut und erweitert, so die Burg Naudersberg (13. Jh.) als Sitz des landesfürstlichen Gerichts und die Churburg bei Schluderns, heute eine der besterhaltenen Burgen der Alpen.

Der Vinschgau wurde fester Bestandteil Tirols genauso wie das Obere Inntal mit der Region um Nauders, Pfunds und den Reschenpass.

Die letzte Gräfin von Tirol, Margarete Maultasch, übergab 1363 mangels geeigneter Erben Tirol an die Habsburger. Damit wurde Tirol mit seinen Gebieten um den Reschenpass bis zu deren Zusammenbruch ein Teil der Habsburger Monarchie.

Burg von Burgeis und Kloster Marienberg, Reschenpass

Engadin

Das Unterengadin und Oberengadin gehörten im Mittelalter formal zum Bistum Chur, hatten aber faktisch eine relativ große Eigenständigkeit. 1367 schlossen sich Vertreter des Churer Hochstifts, Adelige und freie Gemeinden zum Gotteshausbund zusammen. Ziel war ein besserer Schutz vor dem Machtanspruch des Bischofs und der Habsburger.

Der Gotteshausbund, der Graue Bund (1424) und der Zehngerichtebund (1436) schlossen sich nach und nach zum Bündnis der Drei Bünde (ab 1471–1498) zusammen. Das Engadin war dabei über den Gotteshausbund ein fester Bestandteil dieser Kooperation. Die Drei Bünde blieben formal unabhängig, waren aber eng mit der Schweizer Eidgenossenschaft verbündet. Erst 1803, durch den Mediationsakt Napoleons, wurde das Gebiet als Kanton Graubünden Teil der Schweiz.

12. Jh.

Der Brenner wird als Alpenüberquerung immer besser ausgebaut und der Reschenpass verliert etwas an Bedeutung. Er bleibt als Strecke Fernpass - Reschenpass - Vinschgau aber bis heute eine der wichtigsten Alpenquerungen.

um 1500

Die fast 1000 Jahre andauernde bajuwarische und teils alemannische Einwanderung in die Region ist abgeschlossen.

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Frühe Neuzeit (1500–1800)

Reformation und Gegenreformation

Die Bewohner des Engadin nahmen durch die Lehren von Zwingli und Calvin früh einen reformierten Glauben an. Tirol blieb unter der Habsburger Monarchie streng katholisch. In der Folge kam es zu Spannungen in der konfessionell gespaltenen Grenzregion und zu Flüchtlingsbewegungen in beide Richtungen.

Dreißigjähriger Krieg (1618–1648)

Obwohl die Region nicht im Zentrum der Konflikte lag, war sie stark betroffen. Es kam zu Kämpfen zwischen protestantischen und katholischen Akteuren und Durchzüge fremder Truppen bedeutete auch immer Plünderungen und Leid. Die Handelswege, von denen die Region um den Reschenpass lebte, wurden gefährlich und die Verkehrsströme brachen zeitweise zusammen. Das war aber immer nur vorübergehend und trotzdem blieb der Reschenpass eine der wichtigsten Nord-Süd-Verbindungen über die Alpen.

Bergbau im Engadin

Der Bergbau im Val S-charl (Scuol, Unterengadin) erlebte ab der Mitte des 17. Jahrhunderts eine Blütezeit: Der intensivste Abbau fand zwischen 1630 und etwa 1750 statt. Dort wurden vor allem Silber- und Bleierze abgebaut, bis lohnende Lagerstätten immer schwieriger zu erreichen waren. Die Bergwerke wurden 1820 wegen technischer Schwierigkeiten und begrenzter Erträge endgültig aufgegeben. Gründe waren technische Schwierigkeiten wie Wasser in den immer tiefer werdenden Stollen und sinkende Metallpreise durch wachsende Konkurrenz in Europa.

In S-charl gibt es heute ein kleines Museum (Museum Schmelzra) zur Bergbaugeschichte . Wanderwege führen zu historischen Stollen und ehemaligen Schmelzplätzen.

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19. Jahrhundert: Napoleon und Nationalstaaten

Unter Napoleon kam es zu diversen Umwälzungen. Das konservative habsburgische Tirol (Andreas Hofer) kam kurzzeitig an Bayern, das mit Frankreich verbündet war. Das Engadin wurde französisch besetzt.

Nach dem Wiener Kongress 1815 wurde vieles wieder zurückgestellt. Tirol kam wieder zu Österreich, Graubünden dann erstmalig zur Schweiz.

Im Laufe des 19. Jh. erstarkten die nationalen Bewegungen in Deutschland und Italien. Die Habsburger Monarchie hatte ihre Blütezeit hinter sich.

Im späten 19. Jahrhundert gab es mehrere Pläne, eine Bahnstrecke über den Reschenpass zu bauen, die die Bahnhöfe in Landeck und Mals verbindet. Die Strecke wurde nie gebaut, unter anderem wegen der hohen Baukosten und wegen langjähriger politischer Spannungen zwischen Österreich und Italien.

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20. Jahrhundert: Weltkriege und Reiseboom

Erster Weltkrieg

Die Region wurde zur Frontlinie zwischen Österreich-Ungarn und Italien.

Italien hatte 1915 die Seiten gewechselt (Londoner Vertrag).

Befestigungsanlagen wie die Festung Nauders oder Werke im Vinschgau wurden ausgebaut.

Die Region war Schauplatz von Gebirgskrieg , Spionage und Fluchtbewegungen.

Zwischenkriegszeit

Nach Kriegsende: Durch den Vertrag von Saint-Germain fällt Südtirol an Italien. Die historische Einheit Tirols wurde dadurch zerschlagen. Reschen gehörte fortan zu Italien, Nauders zu Österreich.

Versunkener Kirchturm Graun, Reschenpass

Südtirol war ein dauernder Konfliktherd. Kulturelle Eigenständigkeit wurde unterdrückt. "Optionsmöglichkeit" unter Mussolini (1939): deutsche Südtiroler sollten ins Reich umsiedeln können. Mit Kriegsausbruch wurde das Programm zurückgestellt.

Zweiter Weltkrieg

Italien begann auf der Seite Deutschlands. Nach der Absetzung Mussolinis wechselte Italien die Seiten und gehörte später zu den Gewinnern des Krieges.

Nachkriegszeit, Wirtschaftswunder und europäisches Zusammenwachsen

Nach 1945 wurden die Grenzen zwar bestätigt, aber der Transitverkehr wurde erst mal stark reglementiert. Das Ringen der Südtiroler um Autonomie prägt die Jahrzehnte nach dem Krieg. Österreich und Italien finden darüber auch kein gutes Verhältnis. So verhindert Italien lange den Beitritt Österreichs zur EG.

Wirtschaftlicher Aufschwung & Tourismus:

In allen drei Regionen um den Reschenpass entwickelten sich ab den 50er und 60er Jahren der Winter- und Sommertourismus sehr stark. Das Engadin (z. B. St. Moritz) wurde zum internationalen Ferienziel, im unteren Engadin ist bis heute aber nicht ganz soviel los. Nauders, Serfaus, Fiss und Ladis werden bekannte Wintersportorte.

Reschen und Nauders profitierten von ihrer Grenzlage und als Verkehrsverbindung zwischen Nord und Süd. Zwischen beiden Orten liegt die österreichisch-italienische Grenze. Bis in die 80er Jahre gab es bei vielen Waren noch Preisunterschiede zwischen den Ländern. Mal zum Einkaufen über die Grenze fahren war bei Touristen recht beliebt.

Nach und nach wurde die Straßenverbindung über den Reschenpass weiter ausgebaut und wird es weiter. 2021 wird der Tunnel eröffnet, der den Verkehr an Landeck vorbei leitet. Aber auch die Verbindung zwischen Tirol (Landeck) und der Schweiz (Scuol) hat ihre Bedeutung.

Autonomie und offene Grenzen:

Südtirol bekommt zwischen 1946 und 1992 nach langem Ringen und in mehreren Schritten seine heutige Autonomie und wird damit zum Vorbild auch für andere kulturell eigenständige Regionen, z.B. in Spanien.

Mit dem EG-Beitritt Österreichs (1995) und dem Schengen-Abkommen (1997) verschwinden die Grenzkontrollen und die Region wird zu einem Symbol des europäischen Zusammenwachsens.

Kulturelle Vielfalt als Chance:

Das Gebiet zeichnet sich durch ein vielfältiges Kaleidoskop aus bajuwarisch-deutscher, alemannischer, rätoromanischer und italienischer Kultur aus. Die rätoromanische Sprache (v. a. im Engadin) wird weiter gepflegt, gilt aber als bedroht.

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Fazit

Die Region Nauders – Reschen – Engadin war immer ein Knotenpunkt europäischer Geschichte. Ob als Handelsroute, Frontlinie, Tourismusziel oder Begegnungsraum dreier Kulturen – sie spiegelt in besonderer Weise die politischen und kulturellen Entwicklungen des Alpenraums wider.

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