Coca, Kratom, Khat und Cannabis auf TrekkingreisenKulturell bedeutende und historisch interessante psychoaktive Pflanzen, die uns auf Fernreisen begegnen können.
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Allgemeines & Spezielles |
Wer durch eine fremde Region wandert, lernt nicht nur interessante Naturlandschaften, Städte und Menschen kennen. Oft begegnet man auch Pflanzen, deren lokale Bedeutung für den ausländischen Besucher zunächst überraschend sein kann. Was in Europa als Droge gilt, kann anderswo Bestandteil des Alltags, der traditionellen Medizin, religiöser Rituale oder einfach einer jahrhundertealten Kultur sein. Auf einer Trekkingreise durch die Anden kann man beispielsweise Coca angeboten bekommen. In Äthiopien begegnet man Khat und in Südostasien wächst Kratom, das in Thailand eine lange Tradition hat. Und wer im Himalaya unterwegs ist, stößt auf Regionen, in denen Cannabis am Wegesrand wächst und bei religiösen Zeremonien geraucht wird. In unserem Artikel geht es nicht darum, solche Pflanzen als harmlose Naturprodukte darzustellen. Viele haben psychoaktive Wirkungen und können gesundheitliche Risiken bergen. Interessant ist vielmehr, dass dieselbe Pflanze in verschiedenen Teilen der Welt so unterschiedlich wahrgenommen wird. |
Coca in den Anden: eine Pflanze mit langer Tradition |
Wer in Peru oder Bolivien unterwegs ist, braucht nicht lange zu suchen, um mit Coca in Berührung zu kommen. In Bergregionen wird daraus beispielsweise Tee zubereitet oder die Blätter werden gekaut. Das Coca kauen gehörte in Teilen der Anden schon lange vor den Inkas bis heute zum Alltag der indigenen Bevölkerung.
Coca ist dabei nicht mit Kokain gleichzusetzen. Zwar enthält die Pflanze unter anderem das Alkaloid Kokain, doch das Blatt ist nicht dasselbe wie das daraus gewonnene Kokain. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) beschreibt die traditionelle Verwendung der Coca-Blätter in den Anden unter anderem als Mittel zur Steigerung der Ausdauer und zur Verringerung von Hunger und Ermüdung in großer Höhe. Für einen Wanderer kann die Begegnung mit Coca zunächst irritierend sein. Nach einer langen Etappe durch das Hochland bekommt man vielleicht in einer Unterkunft eine Tasse Coca-Tee angeboten. Der Name weckt bei einem Europäer sofort Assoziationen zu Kokain. Für die Menschen in den Anden ist ein Cocatee aber ein völlig normales Getränk. Der bolivianische Staat z.B. betrachtet die Coca-Blätter in ihrer natürlichen Form als kulturelles Erbe und erkennt traditionelle Nutzungsformen ausdrücklich an. Gleichzeitig wird die Herstellung von Kokain und der dafür bestimmte Anbau natürlich massiv bekämpft. |
Kratom: Traditionelle Medizin in Südostasien |
Mit der traditionellen Medizin in Südostasien verbunden ist Kratom, das auch in Europa von Shops wie Kratom Bird angeboten wird. Die Pflanze wächst unter anderem in Thailand und Malaysia. Ihre Blätter enthalten verschiedene Alkaloide und werden traditionell genutzt - oft als Kratom Pulver. Besonders in Südthailand hat Kratom eine lange Geschichte. Untersuchungen zur traditionellen thailändischen Medizin zeigen, dass Kratom dort von traditionellen Heilern verwendet wurde und Bestandteil verschiedener überlieferter Rezepturen war. Auch gesellschaftlich hatte die Pflanze eine Bedeutung. In Thailand wurde Kratom traditionell nicht als „Droge“ verstanden, sondern war in bestimmten Regionen Bestandteil des alltäglichen Lebens und lokaler Traditionen. Noch heute wird die Pflanze dort mit traditionellen Bräuchen und der lokalen Kultur in Verbindung gebracht. Das macht Kratom für Reisende interessant, die beispielsweise im Süden Thailands unterwegs sind. Anders als Coca in den Anden ist Kratom allerdings weniger sichtbar im Alltag. Wer sich für die Pflanzenwelt und Kultur der Region interessiert, findet jedoch eine bemerkenswerte Geschichte hinter dem unscheinbaren Baum.
Auch hier sollte man die traditionelle Nutzung nicht mit gesundheitlicher Unbedenklichkeit verwechseln. Kratom ist psychoaktiv und kann bei regelmäßigem Konsum zu Abhängigkeit führen. Die traditionelle Geschichte einer Pflanze sagt wenig darüber aus, wie bedenklich sie für den einzelnen Konsumenten ist. |
Khat in Äthiopien & Jemen: Dicke Backen in Gesellschaft |
Ein ähnliches Beispiel findet man in Äthiopien oder im Jemen. Dort spielt Khat eine wichtige Rolle. Die Pflanze ist ein Strauch, dessen frische Blätter und junge Triebe gekaut werden. Sie enthalten unter anderem stimulierende Wirkstoffe. Khat ist besonders in Äthiopien, aber auch in den Nachbarländern wie dem Jemen (ein traumhaftes Trekkingziel, aber leider in einer tiefen politischen Misere) tief in der Gesellschaft verankert. Die Geschichte der Nutzung für soziale, religiöse und kulturelle Zwecke reicht weit zurück. Khat unterscheidet sich dabei deutlich von einem klassischen europäischen Bild des Drogenkonsums. Häufig wird das Kauen mit geselligem Zusammensein verbunden. Untersuchungen aus Äthiopien beschreiben außerdem die Verwendung für Wachheit und Entspannung. Im Jemen habe ich erlebt, wie ab mittags in den Basaren die Händler mit dick angeschwollenen Backentaschen beisammen saßen und Khat kauten. Die riesigen Mengen, die täglich von der Bevölkerung verbraucht werden, stellen natürlich auch einen wichtigen Wirtschaftsfaktor für die Bauern dar. Das bedeutet allerdings nicht, dass Khat gesundheitlich unbedenklich wäre. Die medizinische Literatur beschreibt auch mögliche gesundheitliche Probleme. Für Reisende ist Khat ein interessantes Beispiel dafür, wie eng eine psychoaktive Pflanze mit einer regionalen Kultur verbunden sein kann. Und vielleicht erinnert man sich dann daran, dass ja Alkohol und Tabak auch alles andere als gesund sind und zu massiven Abhängigkeiten führen können - und in Mitteleuropa trotzdem selbstverständlicher Teil des Alltags sind. |
Cannabis: Hippies & Gurus im Himalaya |
Cannabis hat vor allem im Süden des Himalaya eine lange Geschichte. Besonders Nepal ist ein Beispiel dafür, weil Cannabis dort früher wesentlich stärker zu Kultur und Religion gehörte als heute. In Nepal und Indien wurden Cannabis-Pflanzen traditionell medizinisch genutzt und bei religiösen Zeremonien - vor allem im Hinduismus - eingesetzt. Besonders bekannt wurde das Hippie-Ziel Nepal in den 1960er- und frühen 1970er-Jahren, als westliche Reisende in Kathmandu auf eine vergleichsweise offene Cannabis-Kultur trafen.
Kathmandu wurde zu einem Treffpunkt der Hippie-Szene. Cannabis konnte damals in Nepal offen erworben werden. Diese Phase endete jedoch bald, als die Auswüchse des internationalen Cannabis-Tourismus selbst den toleranten Nepali zuviel wurde. 1976 wurde der Anbau, Verkauf und Konsum von Cannabis durch den Narcotic Drugs Control Act von der Regierung verboten. Die Lage in Nepal ist damit ein gutes Beispiel dafür, dass althergebrachte Tradition und heutige Rechtslage zwei völlig unterschiedliche Dinge sein können. Wer heute in Nepal wandert, sollte sich deshalb keinesfalls auf die romantischen Geschichten aus der Hippiezeit verlassen. Die nepalesischen Behörden verstehen besonders bei Ausländern überhaupt keinen Spaß, wenn es um verbotene Drogen geht. Für Trekkingfreunde ist die Geschichte des Cannabis im Himalaja trotzdem interessant. In den Bergregionen Nepals wächst Cannabis nach wie vor wild und nicht selten auch direkt an beliebten Trekkingpfaden. |
Betel: Alltagsdroge der Armen in Süd- und Südostasien |
Ein weiteres Beispiel für eine Alltagsdroge, die man auf Reisen in Süd- und Südostasien sehr häufig sehen kann, ist Betel. Streng genommen handelt es sich dabei nicht um eine einzelne Droge, sondern um eine traditionelle Zubereitung aus Betelblättern, Arekanuss und weiteren Zutaten. Die Arekanuss wirkt stimulierend. Betelkauen hat in vielen Teilen Süd- und Südostasiens eine jahrtausendealte Tradition und ist mit gesellschaftlichen und religiösen Bräuchen verbunden. Untersuchungen beschreiben die Verwendung unter anderem bei Hochzeiten, religiösen Zeremonien und gesellschaftlichen Zusammenkünften. Auf Reisen kann man Betel leicht übersehen. Die Zutaten werden auf Märkten angeboten und oft zu kleinen Päckchen zusammengestellt. Für viele Reisende sieht das eher wie ein traditioneller Snack aus. Betel ist aber keineswegs harmlos. Gerade die Arekanuss ist mit erheblichen gesundheitlichen Risiken wie mit der Schädigung von Zähnen und Zahnfleisch sowie mit der erhöhten Gefahr von Mundhöhlenkrebs verbunden. Das Beispiel zeigt deshalb besonders deutlich, dass eine jahrhundertealte Tradition nicht automatisch bedeutet, dass eine Substanz gesundheitlich unbedenklich ist. Und für Reisende ist es ein Bild des Elends, wenn oft relativ fertig aussehende Personen - Betel wird oft von armen Menschen gekaut - mit kaputten Zähnen nach dem Kauen den roten Saft in die Landschaft spucken. |
Droge, Religion oder Genussmittel? Die Kultur entscheidet |
Was verbindet Coca, Khat, Kratom, Cannabis und Betel? Ihre chemische Wirkung unterscheidet sich. Gemeinsam ist ihnen aber ihr fester Platz in der Kulturgeschichte ihrer Herkunftsregionen. Für Konsumenten in Europa und Nordamerika ist das oft ein Punkt, der zur Idealisierung von Drogen führen kann. Fakt ist aber, dass auch in Bolivien, Nepal, Thailand oder dem Jemen früher nicht alles besser war … Ich will mal relativ platt sagen: Früher und anderswo - auch in oft idealisierten Kulturen wie bei den Inkas oder den Hindus - waren die Menschen nicht schlauer als heute, wenn es um ihre Gesundheit ging.
Man erinnere nur an den massenhaften Import von Opium nach China durch die Briten im 18. und 19. Jahrhundert. Das ruinierte nicht nur die chinesische Wirtschaft und Gesellschaft, sondern auch die Gesundheit und die wirtschaftliche Existenz von Millionen Chinesen. Eine Pflanze kann gleichzeitig Bestandteil einer religiösen Tradition, ein traditionelles Heilmittel, ein alltägliches Genussmittel, ein wichtiges landwirtschaftliches Produkt und eine abhängig machende, gesundheitsschädliche psychoaktive Substanz sein. Die Bezeichnung Droge hilft bei einer Reise manchmal nur bedingt weiter. In Europa wird damit häufig zunächst eine illegale Substanz verbunden. In anderen Kulturen liegen die Grenzen zwischen Genussmittel, Heilpflanze, Ritual und Rauschmittel teilweise ganz woanders. Das lässt sich besonders gut an Coca beobachten. Für viele Reisende ist Coca unmittelbar mit Kokain verbunden. Für die traditionelle Kultur der Anden ist die Coca-Pflanze jedoch wesentlich älter als die moderne Kokainproduktion und besitzt eine eigene kulturelle Bedeutung. Der alltägliche Genuss von Cocatee auf der Trekkingtour in den Anden sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass jenseits der Grenze wieder ganz andere Regeln gelten. So hat mal einer meiner Reisegäste eine Packung Coca-Teebeutel aus dem peruanischen Supermarkt im Gepäck gehabt, als er bei der Landung an einem bayerischen Flughafen kontrolliert wurde. Die Folge war ein Verfahren wegen Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz (BTM). |
Fazit: Was Wanderer & Reisende beachten sollten |
Dass eine Pflanze in einem Land traditionell verwendet wird, bedeutet nicht automatisch, dass sie für Reisende legal ist. Noch wichtiger wird die Frage beim Grenzübertritt. Eine Substanz, die in einem Reiseland erlaubt oder kulturell akzeptiert ist, kann bei der Einreise nach Deutschland oder in ein anderes Land unter andere gesetzliche Bestimmungen fallen. Das gilt in besonderem Maße z.B. auch bei Zwischenlandungen - wie in den Arabischen Emiraten, wo schon manch deutscher Hustensaft als illegale Droge angesehen wird. Für Wanderer, Reisende und Trekkingfreunde ist es eine Bereicherung, die Pflanzen als Teil der Kultur einer Region kennenzulernen. Man muss sie nicht unbedingt selbst testen … und wenn, dann sollte man sich über die rechtlichen und gesundheitlichen Risiken im Klaren sein. Ein Coca-Feld in den Anden, ein Khat-Markt in Äthiopien, Hanf in Nepal oder eine traditionelle Kratompflanze in Südthailand kann schließlich auch botanisch und kulturgeschichtlich interessant genug sein. |
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