8. Zusammenfassung der Ergebnisse der
Forschungsarbeit
In Bezug auf
die eingangs aufgestellten Thesen läßt sich feststellen:
1. These:
“Wandertourismus auf Mallorca ist eine qualitativ hochwertigere Alternative zum
bisher vor allem stattfindenden Massentourismus”.
Wandertourismus
auf Mallorca ist tatsächlich eine qualitativ hochwertigere Alternative zum
bisher vor allem stattfindenden Massentourismus. Er zeitigt, anders als der
Massentourismus an der Küste, neben positiven Effekten in der Ökonomie, auch zahlreiche
positive Effekte in Gesellschaft und Ökologie. Es handelt sich bei dem
typischen Wandertouristen Mallorcas um einen überdurchschnittlich gebildeten
und einkommensstarken Touristen. Dies ist die Zielgruppe, die die
Tourismuspolitik bei der Entwicklung des Qualitätstourismus im Blick hat.
Das Volumen
der Wandertouristen nimmt jedoch auf einzelnen Wanderwegen bereits ein
beträchtliches Ausmaß an. Von Touristen wie auch von der einheimischen
Bevölkerung werden Probleme vor allem im soziokulturellen und ökologischen
Bereich thematisiert. Die Ergebnisse lassen die Vermutung zu, daß die
touristische Tragfähigkeit einzelner Wanderrouten erreicht ist[180].
Viele der Wandertouristen können sich vorstellen, die Region wieder als
Wanderer zu besuchen und man kann davon ausgehen, daß es zusätzlich zahlreiche
neue Wanderer gibt, die durch “Stammkunden”, das Angebot von
Reiseveranstaltern, Publikationen in der deutschen Presse oder das Angebot im
Internet angestossen werden. Für einzelne Wege droht somit die Entwicklung
einer Art Massenwandertourismus. Dies umso mehr, da es zu einer Steigerung
derjenigen Urlauber im Gebiet kommt, die die Freizeitaktivität Wandern als ein
Angebot unter vielen wahrnehmen.
Insofern
besteht die Gefahr, daß der Wandertourismus selbst zu einer Art Massentourismus
verkommt, der dann unter Umständen keine qualitativ hochwertigere Alternative
zum bisher vor allem stattfindenden Massen-Badetourismus mehr darstellen würde.
2. These:
“Durch den Wandertourismus partizipieren Gebiete vom Tourismus, die ansonsten
strukturell benachteiligt sind”.
Diese These
kann bestätigt werden. Der Wandertourismus findet vor allem in der Bergregion
Serra de Tramuntana statt, die als landwirtschaftlich geprägter Raum bisher von
Abwanderung und Überalterung gekennzeichnet ist. Dieser Raum ist als
strukturell benachteiligt einzuordnen. Der Wandertourismus hat neue
Arbeitsplätze geschaffen, z.B. in der Übernachtungs- und
Gastronomie-Infrastruktur und für Wanderreiseleiter. Besonders positiv ist die
Zusammenarbeit zwischen Tourismus und Sozialarbeit am Beispiel der FODESMA
hervorzuheben, da hier arbeitslose Jugendliche durch Beschäftigung in der
Restauration alter Wege und Gebäude eine Ausbildung und Beschäftigung in dem
traditionellen Handwerk des Trockenmauerns erhielten. Die positiven Effekte
sind hier besonders vielfältig: die Erhaltung kultureller Substanz führt zur
Stärkung des Selbstbewußtseins der einheimischen Bevölkerung und zur
Überwindung möglicher Benachteiligungsgefühle und bietet außerdem dem
Wandertourismus ein attraktives Landschafts- und Kulturbild. Die Beschäftigung
insbesondere junger Menschen kann zudem zu einem Abbau der Überalterung in den
Dörfern beitragen und sorgt für einen Rückgang der Arbeitslosigkeit.
Eine weitere
Bestätigung der oben genannten These findet sich darin, daß Betriebe, die
allein durch die Landwirtschaft nicht mehr rentabel sind, ein zusätzliches
Einkommen durch den Wandertourismus erwirtschaften.
Dennoch bleibt
festzustellen, daß bisher ein Großteil der möglichen Einnahmen durch den
Wandertourismus nicht in der Region verbleibt, da viele Touristen außerhalb der
Region übernachten und unter anderem deshalb die strukturelle Benachteiligung
der Region noch weitgehend erhalten geblieben ist.
3. These: “Der
Wandertourismus blockiert sich selber, da durch ein zu hohes Nachfrageverhalten
immer mehr Wanderwege gesperrt werden”.
Diese These
kann nur zum Teil betätigt werden. Im Rahmen dieser Arbeit konnte nicht
abschließend geklärt werden, welche Wanderwege durch eine zu hohe Frequenz des
Wandertourismus von den Grundstücksbesitzern gesperrt wurden. Da keiner der
Grundstücksbesitzer, die Wege gesperrt haben, interviewt werden konnte, lassen
sich Aussagen über die Gründe hierfür nur anhand von Sekundärquellen und
teilnehmender Beobachtung treffen. Die entsprechenden Aussagen in der Literatur
konnten die These nicht durchgängig verifizieren. Eine der Sperrungen
resultierte z.B. aus Verwüstungen, die vermutlich jedoch nicht von Wandern
verursacht wurden (siehe Kapitel 4.2.1.2). Für manche Wanderwege ist die
Ursache von Beschränkungen durchaus auf
die zu hohe Frequenz von Wanderern zurückzuführen. Wie gezeigt wurde (siehe
Kapitel 4.2.1.2) gilt dies z.B. für den Wanderweg über die Finca Solleric nach
Tossals Verds. Eine der befragten Grundstückseigentümerinnen äußerte zudem, daß
sie aufgrund des Fehlverhaltens und der hohen Nachfrage von Wanderern ihr
Grundstück in absehbarer Zeit sperren wird (siehe Kapitel 6.3).
4. These: “Die
mangelnde Einbeziehung der Bevölkerung in die Planung behindert die Entwicklung
des Wandertourismus”.
Dieser These
kann nur zum Teil zugestimmt werden. Bisher gab es meines Wissens nach keine
Meinungsbildungs-, Visions- oder Planungsforen, bei denen die lokale
Bevölkerung an der Planung des Wandertourismus in der Region beteiligt wurde.
Die einheimische Bevölkerung konnte also bisher nicht aktiv an der Planung
mitwirken. Wie oben angeführt, gibt es
bereits ein beträchtliches Ausmaß an Wandertourismus auf einzelnen Wanderwegen.
Auf diesen Wanderwegen hat sich der Wandertourismus auch ohne die aktive
Einbeziehung der Bevölkerung entwickelt. Wanderer sind auf Mallorca nicht auf
ein Infrastrukturangebot (von Unterkünften und Gastronomie) entlang der Wege
angewiesen[181],
da aufgrund der guten Erreichbarkeit des Gebietes die Infrastrukturen außerhalb
genutzt werden können.
Zum Teil waren
Grundstücksbesitzer schon vor Einsetzen des internationalen Wandertourismus auf
einheimische Wanderer und vor allem Ausflügler eingestellt (z.B. Mirador Ses
Barques). In diesen Fällen wird durch den Wandertourismus ein zusätzliches
Einkommen erwirtschaftet. Die Akzeptanz gegenüber dem Wandertourismus ist hoch,
er wird in der Regel nicht behindert.
Zum Teil haben
sich Grundstücksbesitzer in der Folge auf den Wandertourismus eingestellt und
erwirtschaften durch ihn mittlerweile ein (zusätzliches) Einkommen (z.B. Finca
Balitx d´Avall). In diesen Fällen waren die Betroffenen zwar nicht partizipativ
in den Planungsprozeß eingebunden, haben sich jedoch durch eigene Strategien an
ihn angepaßt. In diesen Fällen wird der Wandertourismus in der Regel befördert
durch Bereitstellung attraktiver Infrastrukturen.
Es gibt jedoch
auch Beispiele, wo die Entwicklung des Wandertourismus durch die lokale
Bevölkerung behindert wird. Durch Beschränkungen von Wanderwegen wird der
einzelne Wanderer verärgert. Die Folge kann ein schwerer Imageschaden für die
Wanderregion sein. Inwieweit eine Partizipation an der Planung des
Wandertourismus die einzelnen Grundstücksbesitzer von Beschränkungen und damit
von einer Behinderung der Entwicklung des Wandertourismus abhalten kann, bleibt
eine Frage ebendieser Maßnahme und der einzelnen Interessen.
[180] Die
“touristische Tragfähigkeit” stellt die maximale touristische Nutzung eines
Raumes ohne Negativeffekte auf die natürlichen Ressourcen, auf die
Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur und die Erholungsmöglichkeiten der
Touristen fest. Diese Tragfähigkeit wird einerseits durch den Fragilitätsgrad
der natürlichen Ressourcen, ihrer Infrastruktur, sozio-kulturellen und
politischen Strukturen bestimmt, andererseits durch die Zahl und das Verhalten
der Touristen (Becker et al. 1996, S. 110ff.)
[181] Anders stellt
sich dies z.B. in Nepal dar. Hier sind Wanderer, die nicht im Zelt übernachten
wollen, auf Übernachtungsmöglichkeiten in der Wanderregion angewiesen,
da der Großteil des Gebietes nur zu Fuß zu erreichen ist (eigene Erfahrung 1996
und 2000 und vgl. Hauck 1996)