7.       Auswirkungen des Wandertourismus auf Mallorca

 

7.1       Ökonomische Effekte

 

Genaue Angaben über die ökonomischen Effekte, die der Wandertourismus in der Region Serra de Tramuntana hat, können kaum getroffen werden. So gibt es z.B. keine offiziellen Angaben über das Volumen des Wandertourismus auf Mallorca. Zahlen hierzu sind aus verschiedenen Gründen schwer zu ermitteln. Die Zugänge zu der Wanderregion Serra de Tramuntana sind zahlreich, es gibt ein weites Netz von Wegen (siehe Kapitel 4.2.1) und die Wege werden unterschiedlich stark frequentiert. Eine Zählung der Wanderer an den einzelnen Wanderrouten könnte nur über einen langen Zeitraum durchgeführt ein objektives Bild abgeben. Zahlen über ihr Kundenaufkommen wurden auch von den Veranstaltern nicht genannt. Es läßt sich jedoch aus der Angabe der befragten Grundstückseigentümer ableiten, daß das Volumen des Wandertourismus für die begangenen Wanderwege bereits ein beträchtliches Maß annimmt. 12 der 13 Befragten gaben an, daß im Frühjahr und Herbst “mehr als 50 Personen” pro Tag ihr Grundstück passierten. Wie in Kapitel 6.3 beschrieben wurde, kann von wesentlich mehr als 50 Personen ausgegangen werden. Geht man für die begangenen Wanderungen von täglich jeweils 100 Wanderern aus, was nach eigener Zählung realistisch scheint, bedeutet dies insgesamt mindestens 1.200 Personen pro Tag für die begangenen Wege. Setzt man die Schätzungen in ein Verhältnis zu den Wanderrouten insgesamt, so kann im Frühjahr und Herbst von mindestens 3.000 Wanderern täglich in der Serra de Tramuntana ausgegangen werden.

Der Wandertourismus hat also bereits ein beträchtliches Volumen erreicht. Die ökonomischen Effekte verbleiben zum Teil in der Wanderregion (durch Übernachtung, Verzehr, Gebühren). Für drei der Interviewten stellt der Wandertourismus die “Haupteinnahmequelle” dar, vier Personen betreiben damit einen “Nebenwerwerb”. Somit bietet der Wandertourismus für mehr als die Hälfte der Befragten eine wichtige, bzw. die wichtigste Einnahmequelle.

Es kann zudem festgestellt werden, daß durch den Wandertourismus bereits Arbeitsplätze in der ansonsten strukturell benachteiligten Region Serra de Tramuntana entstanden sind (als Geschäftsführer/in, Angestellte, Wächter, Hausleiter und Wanderführer) und weiter entstehen können. Die Anzahl der Arbeitsplätze in Unterkunfts- und Gastronomiebetrieben wird in Zukunft vermutlich weiter steigen, wenn z.B. die bewirtschafteten Hütten entlang des Weitwanderweges eingerichtet werden. Eine große Anzahl von Arbeitsplätzen ist durch die Nachfrage nach Begleitung von Gruppen als Wanderführer entstanden, auch die Quantität dieser Arbeitsplätze wird sich vermutlich bei weiterer Entwicklung erhöhen.

Zum Teil arbeiten die befragten Personen als Selbständige, zum Teil als Angestellte. Im Rahmen der Befragung wurde festgestellt, daß unter den dreizehn befragten Personen (mindestens) vier Angestellten-Verhältnisse entstanden sind. Den Personen, die Grundstücksbesitzer oder Mitglieder der Familie, in deren Besitz sich das Anwesen befindet, sind bietet der Wandertourismus teilweise ein Auskommen oder ein zusätzliches Einkommen und somit eine Verbesserung der materiellen Lebensbedingungen und die Stärkung der landwirtschaftlichen Betriebe. Besonders positiv hervorzuheben ist die in Kapitel 4.1.3 erwähnte Beschäftigung von Jugendlichen in der Restaurierung von Wegen und Gebäuden als Ausbildung und Berufsperspektive.

Ohne Zweifel kann auch von einer Sicherung der materiellen Grundlagen der Kultur (Ökologie, Wirtschaft) und der ökonomischen Stützung traditioneller Lebensformen in der Region Serra de Tramuntana ausgegangen werden, die durch den Wandertourismus ausgelöst wird. Deutlich wird dies unter anderem an dem Beispiel der Restaurierung alter Wege, Mauern und Gebäude (siehe Kapitel 4.1.3), wodurch für die Landwirtschaft genutzte Struktur und Substanz erhalten wird.

Die Herstellung und der Verkauf geernteter Früchte als Wegzehrung und Mitbringsel (Marmeladen, Mandeln, Wein, usw.), sichert durch Einnahmen aus dem Erlös durch die Wanderer die für sich allein nicht mehr rentable Landwirtschaft ab. Die Zimmervermietung (wie beim Beispiel der Finca Balitx d´Avall) trägt weiterhin zu einer Sicherung des Einkommens bei. Ohne Tourismus wären womöglich einige kleinere Betriebe zur Aufgabe gezwungen.

Gesamtwirtschafltich bedeutend ist festzustellen, daß es durch den Wandertourismus in jedem Fall auch zu einer verbesserten Auslastung der Vor- und Nebensaison des Tourismus auf Mallorca insgesamt kommt, da die Monate März bis Mai und September bis November die Hauptreisezeit für Wanderer darstellen. Eine verbesserte Auslastung der Vor- und Nachsaison ist gesamtwirtschaftlich positiv zu vermerken, da bestehende Infrastrukturen (wie Unterkünfte, Gastronomie, Verkehr) so ganzjährig betrieben werden können.

 

 


7.2       Soziale Effekte

 

“Art und Intensität des Fremdenverkehrs haben Auswirkungen auf das soziokulturelle Gefüge der Zielregion”[167]. Diese können positiver wie negativer Art sein.

Die oben bereits angesprochene Erhaltung kultureller Substanz trägt im Bereich der sozialen Effekte zu einer Erhaltung des Landschaftsbildes und -charakters bei. In der Folge kann es zu einer Bewahrung oder Rückbesinnung auf die eigene Tradition und Stärkung des Selbstbewußtseins der einheimischen Bevölkerung kommen. Dies kann durch eigene Beobachtung für einzelne Personen, aber auch ganze Dörfer mit ihren Dorfgemeinschaften bestätigt werden (soweit eine außenstehende Beobachtung dies zuläßt). Die Sicherung der o.a. materiellen Grundlagen der Kultur und eine aktive Kulturpflege sind zudem für die Erhaltung der Lebens- und Umfeldstrukturen sinnvoll.

Wie bei der Befragung der Grundstückseigentümer zu sehen war, sind in den Betrieben, die Infrastruktur für Wanderer anbieten, in der Regel Frauen beschäftigt. In mindestens einem Fall kann man von einer Stärkung der Stellung der Frau nicht zuletzt durch materielle Unabhängigkeit ausgehen. Jedoch ist in mindestens einem anderen Fall auch deutlich geworden, daß die Beschäftigung im Wandertourismus eine Zusatzbelastung der Frau zur Arbeit auf dem landwirtschaftlichen Betrieb darstellt.

Durch eine Verbesserung der materiellen Lebensbedingungen und Sicherung der Lebensumstände in der Bergregion Mallorcas könnten die Überalterungs- und Abwanderungstendenzen entschärft werden, wenn weitere Arbeitsplätze entstehen sollten und die Region somit wieder Perspektiven bietet.

 

Es lassen sich jedoch auch negative Effekte feststellen.

Durch die starke Präsenz Mallorcas in den Reisekatalogen und Medien vermittelt sich dem Urlauber das Bild des unproblematischen Wanderns auf Mallorca. Anders als bei anderen Wanderreisezielen wie Nepal oder den Alpenländer sind scheinbar keine Adaptionsleistungen in körperlicher wie kultureller Hinsicht beim Wandern auf Mallorca nötig. Insbesondere bei Buchung von Wanderpauschalreisen überläßt der Wandertourist die Reiseplanung dem Veranstalter. Dies kann dazu führen, daß eine Beschäftigung mit dem Reiseziel kaum stattfindet. Genannte Aspekte führen zu Uninformiertheit der Urlauber und damit einhergehender Unsicherheit vor Ort. Häufig ist Unhöflichkeit und Ignoranz der Touristen gegenüber der einheimischen Bevölkerung zu beobachten.

Bereits 1984 äußerte Jost Krippendorf, daß die einheimische Bevölkerung in  bereisten Gebieten sich “mehr und mehr von der Entwicklung buchstäblich überrollt und gleichzeitig ausgeklammert fühlt”[168]. Dies ist auch auf Mallorca der Fall. Hier kommt es bei einigen Bevölkerungskreisen bereits zum ”Aufstand der Bereisten”[169]. So gibt es bereits in Kapitel 4.3.4 angesprochene Vereinigung der Eigentümer von Landbesitzen. Diese Eigentümervereinigung wehrt sich gegen die Inanspruchnahme ihres Privatbesitzes. In Llano[170] wird Ferdinand Fortuny folgendermaßen zitiert: “Jetzt kommt ein Rudel von hundert Leuten an Dir vorbei und grüßt nicht einmal. Sie dürfen alles. Man hat ein Gefühl der Ohnmacht, es ist eine Beleidigung.....Darum habe ich beschlossen, abzuschliessen....”[171]. Die Folge dieses Gefühl ist die Beschränkung einzelner Wanderwege. Jedoch werden so nicht nur Touristen von den Wanderwegen abgeschnitten, sondern auch einheimische Wanderer und Ausflügler, was zu soziokulturellen Problemen innerhalb der einheimischen Bevölkerung führen kann.

Wie in Kapitel 5.4 herausgefunden werden konnte, hatten 55,4% der befragten Wandertouristen wahrscheinlich keinen direkten, also persönlichen Kontakt zu der einheimischen Bevölkerung. Trotzdem wird die Privatsphäre der einheimischen Bevölkerung häufig nicht respektiert (indem z.B. im Gebäude Privattreppen benutzt werden, siehe Kapitel 6.3). So kommt es zu einer Musealisierung von Kultur und Privatsphäre. Die Wanderer glauben sich insbesondere dort, wo Infrastruktur für sie angeboten wird, noch im Recht. Auch verschlossene Tore halten manche Wanderer nicht vom Begehen der Privatwege ab, sie ärgern sich sogar noch darüber, wie die Aussage eines Wandertouristen auf die Frage, was ihnen nicht an der Reise gefällt, belegt: “Zäune und geschlossene Gatter auf den Wanderwegen und mühseliges Überklettern" (siehe Kapitel 5.4). Dieses Vorgehen konnte wiederholt beobachtet werden.

Der Wandertourismus führt in einigen Fällen zu einer Kommerzialisierung sozialer Kontakte, kultureller Werte und traditioneller Gebräuche. Besonders dort, wo eine hohe Kontakthäufigkeit besteht und die Kommunikation gering ist (z.B. Refugio Tossals Verds, Mirador Ses Barques). Dies muß keine negativen Effekte zeitigen und würde interessante Ansätze für eine weitergehende Forschung bieten.

Nach Hennig bildet eine abweichende Moral der Reisenden den Hauptfaktor für negative Einstellungen der Einheimischen[172]. Dies kann für die Untersuchungsregion bestätigt werden, da es z.B. zu einer gehäuften Nennung von “Nichtrespektieren der Privatsphäre” kam, was die betroffene einheimische Bevölkerung als Problem darstellte.

Die Auswirkungen des Tourismus auf das soziokulturelle Gefüge sind insgesamt als ambivalent anzusehen. So stehen sich einander gegenüber:

Mehr Arbeitsmöglichkeiten - Mehr Streß,

Zunahme, bzw. Bewahrung der Traditionen - Mehr Spannungen und Konflikte,

Emanzipation der Frau – Mehrfachbelastung.

 

Auch bezüglich der Einstellung der lokalen Bevölkerung zu den Touristen und dem Wandertourismus insgesamt kann eine ambivalente Einstellung konstatiert werden. So steht die einheimische Bevölkerung dem Wandertourismus insgesamt positiv gegenüber, obwohl sie Probleme thematisiert und Unzufriedenheiten bestehen.

Der Tourismus ruft in der Serra de Tramuntana demnach ambivalente Effekte innerhalb der Sozialstruktur der einheimischen Bevölkerung hervor.

 

 

7.3       Ökologische Effekte

 

Mit Ausnahme peripher gelegener Ökosysteme sind heute fast alle naturnahen Ökosysteme Mallorcas von touristischen Einflüssen geprägt; manche müssen als stark gefährdet eingestuft werden[173]. Gerade unter diesem Aspekt ist es wichtig, die letzten naturnahen Ressourcen der Insel, wie die Serra de Tramuntana, zu erhalten und zu schützen.

Eine objektive Bewertung von Naturschutz ist äußerst schwierig, da gesellschaftliche Konventionen dieses Thema in unterschiedlicher Weise betrachten lassen. Für ausgewählte Raumeinheiten auf Mallorca hat Schmitt eine Evaluierung und Bewertung vorgenommen[174]. “Wandern läßt die Natur scheinbar unverändert. Die Belastung durch den einzelnen Wanderer ist im Vergleich zu anderen touristischen Fortbewegungsarten oder natursportlichen Aktivitäten  so gering, daß eine Behandlung überflüssig erscheinen mag”[175]. “Doch ändert sich die Situation, wenn Aktivisten plötzlich in großen Massen auftreten, (...)”[176].

Die Gesamtentwicklung auf Mallorca ist bisher gekennzeichet durch das teilweise Fehlen raumordnerischer und raumplanerischer Konzepte sowie einer mangelhaften Gesetzgebung. Die mallorquinische Regierung hat zwar einige Gesetze zum Schutz der Natur erlassen: z.B. 1991 das “Gesetz zum Schutz von Naturräumen” “LLei d´Espais naturals”, 1994 den “Plan zur Ordnung der touristischen Angebote - POOT”[177]. Die Gesetze sind jedoch keine umfassenden Naturschutzgesetze, die z.B. den bundesdeutschen vergleichbar wären. Der Nutzen der verabschiedeten Gesetze kann zudem noch nicht abgeschätzt werden, da die Umsetzung nicht weit fortgeschritten ist.[178]

Wie stark die Region durch den Wandertourismus ökologisch in Mitleidenschaft gezogen wird, ist eine Frage der Besucherdichte und des Besucherdrucks. Die Grenzen der Belastung sind dabei fliessend. Eine Gefahr für die Ökologie der Serra de Tramuntana für die Zukunft kann darin gesehen werden, daß das Gebiet von allen touristisch genutzten Regionen Mallorcas relativ leicht erreichbar ist (Fahrzeiten von maximal 1,5 Stunden von allen Orten der Insel). Zudem bietet die Region von den verschiedenen Einfallstrassen ein breites Wegenetz und somit einen einfachen Zugang. Dabei sind bestimmte Bereiche stärker betroffen als andere, da z.B. einige Wanderwege nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar sind und sich daher der Wandertourismus auf bestimmten Wanderwegen konzentriert.

Unter Naturschutzaspekten als wertvoll zu klassifizierende Landschaften sind in der Regel auch unter Erholungsaspekten von hoher Bedeutung. Es besteht die Gefahr, daß die Attraktivität der Landschaft der Serra de Tramuntana eine (weitere) Sogwirkung ausübt und sich in der Zukunft immer mehr Wanderer und Ausflügler diese Region erschliessen und es somit zu einer Überlastung und noch nicht absehbaren Schädigungen kommen kann. Mögliche und zum Teil bereits bestehende ökologische Probleme, die von Wandertouristen versursacht werden, sind:

- mechanische Schädigungen an der Vegetationsdecke bei Tritt

- Verdichtung des Bodens durch Trampelpfade

- Belastung durch liegengelassene / weggeworfene Abfälle

- Zerstörung von Kleinlebewesen und Pflanzen

- Störung der (Wild-)Tiere.

Gegenüber allen möglichen und bereits bestehenden Problemen läßt sich jedoch auch feststellen, daß der Zugang zur Natur zu einer Kenntnis der ökologischen Belange bei den Wanderern (und Einheimischen) beitragen kann, die in der Regel eine positive Einstellung zur Folge hat[179]. Und wer die Natur zu schätzen gelernt hat, der wird viel eher bereit sein, sie zu schützen.

 

 

 

 



[167] Faust & Kreisel 2000, S. 130

[168] Krippendorf 1984, S. 19

[169] Dieser Begriff wurde von Jost Krippendorf 1975 geprägt

[170] Llano: “Deutsche auf Mallorca”

[171] Llano 2000, S. 116

[172] Vgl. Hennig 1997, S. 130

[173] Vgl. Kulinat 1991, S. 465

[174] Vgl. Schmitt 1999, S. 187

[175] Thiel & Drücker 1999/2000, S. 21

[176] Ebenda, S. 109

[177] Vgl. Schmitt 2000, S. 59

[178] Vgl. Schmitt 1993, S. 464 und Schmitt 2000, S. 59

[179] Vgl. dazu auch Steinecke 1992, S. 120